Textproben
aus dem TAGEBUCH DER STILLE www.buddhismus-aktuell.de  2017/02 Online-Artikel
Der Fluss, die Berge, der Fluss
Wir bewegen uns in einer Wolke aus Rauch und Licht, meine Mutter und ich. In den Herbstgärten, an
denen wir vorbeikommen, schwelen Kartoffelfeuer, in deren Qualm die Sonne aufleuchtet. Das schwarze
Kraut der geernteten Kartoffeln verbrennt zu dichten Schwaden, deren beißender Gestank uns in die Nase
steigt. Ich schiebe sie vor mir her, meine Mutter, sie könnte mein Kind sein, ein schmollendes Kind. Ich sehe es ihrem
Rücken an, dass sie schmollt, dem seitwärts geneigten Kopf, der tut, als sei er aufgeschlossen für alles, was den Augen
am Weg begegnet. Diese Aufgeschlossenheit soll mir zeigen, dass meine Mutter vergessen kann und vergessen hat, wer
hinter ihr geht und sie im Rollstuhl schiebt. Die herbstlichen Gärten mit dem vernebelten Farbfeuerwerk der Astern
und Dahlien, der sonnenbeschienene Fluss, der durch die Rauchschwaden schimmert, die niedrig gestuften Fassaden
der Fachwerkhäuser, aus denen die Kirchturmspitze ragt, Herr Fricke, der uns, auf seine Forke gestützt, durch den
Qualm über den Gartenzaun grüßt – all das, so sagt die Körperhaltung meiner Mutter, ist wichtiger, sehenswerter,
willkommener als die, die hinter ihr geht.
Ich weiß nicht, warum meine Mutter mit mir schmollt. Ich habe es gar nicht mitbekommen, gesagt hat sie mir nichts.
Es braucht nicht viel in diesen Tagen, um ihren Unmut zu wecken, den sie wie immer und wohl schon – soweit ich
das wissen kann als ihre Tochter – ihr Leben lang äußert, indem sie schweigt. Schweigt mit diesem leidvollen Ernst
im Gesicht, der besagt, dass sie an jedem Leid, das sie stumm mit sich selbst ausmacht, ohne anderen damit zur Last
zu fallen, nur wachsen kann als Mensch.
Vielleicht habe ich ihr den Hut zu grob aufgesetzt. Vielleicht habe ich den Rollstuhl im Pflegeheim zu schnell an Magda
vorbeigeschoben, Mutters Zimmermitbewohnerin, die mit ihrer hohen, albernen Stimme gern ein Schwätzchen mit
mir hält. Vielleicht wollte Mutter etwas von mir, das ihr dringend und wichtig war, und hat es mir nicht gesagt; doch
hat sie vergessen, dass sie es mir nicht sagte, und grollt mir, weil ich nicht darauf eingegangen bin.
So etwas passiert in diesen Tagen, vielleicht passiert es schon länger, doch hat es mich bislang nicht erreicht. Vielleicht
habe ich bislang darüber gelächelt, denn wie soll ich nicht lächeln über eine, die das Gesicht leidvoll verzieht, weil sie
glaubt, eine Absage bekommen zu haben für etwas, das sie nie geäußert hat?
Jetzt lächele ich nicht mehr über meine Mutter; es erreicht mich, wie sie so ist. Es verwirrt mich, ich verfange mich in
ihren Netzen. Ich verstricke mich so in Mutters Verwirrung, die für sie gar keine ist, weil für sie Getanes und nicht
Getanes gleich wirklich sind, dass ich selbst nicht mehr weiß, was ich gesagt und getan habe und ob das, was ich fühle,
einen Boden hat in der Wirklichkeit.
Karin Petersen schreibt über die plötzliche Konfrontation mit dem Sterben der Eltern. Und
damit auch über die Begegnung mit großen Fragen oder Rätseln, nicht nur was deren Rolle
als Eltern betrifft. Wie begreift man aber so ein Leben? Vielleicht in einem nicht nur traurigen
Abschiednehmen von vertrauten oder rätselhaften Redensarten und Gesten, nie ausgesprochener
Sehnsucht, von schönen oder auch schmerzlichen Momenten. Und dabei wächst eine
vorsichtige Ahnung: je näher man einem Menschen kommen will, gerade auch einem »nahe
stehenden«, umso rätselhafter und spannender wird sein Leben, die ganze Kette von Zufällen,
von großen und kleinen Entscheidungen, von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Ängsten,
Kompromissen und Sturheit, manchmal auch von Zuneigung und Liebe. Ein Rätsel, dem man
sich nur stellen kann, indem man es wahrnimmt, anerkennt und ihm dadurch etwas Zerbrechliches
gibt: Würde.
Dramaturgisch gekonnt entwirft der Roman in perspektivisch wechselnden Passagen, in Dialogen,
Brieftexten und historischen Momentaufnahmen ein Bild zweier Menschen, die in der
gleichen Zeit, der Zeit des Zweiten Weltkriegs, aufwachsen, davon aber ganz unterschiedlich
geprägt werden. Zwei Menschen einer Generation, die ihre Jugend, ihre Träume und Wünsche
kaum ausleben konnte und sie oft für ein ganzes Leben in sich begrub.
Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Transit Verlag
www.transit-verlag.de













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